Schinzilord Juli 14, 2011 Hallo! Nach Lesen des Buches "Zinsen, Anleihen und Kredite" von Spremann in der 4ten Auflage bin ich auf das sog. Duration Matching zwischen Verbindlichkeiten und Anlagevermögen gestoßen. Dies besagt im Grunde folgendes: Da ich ja nicht nur mein Anlagevermögen betrachten muss, sondern z.B. als Familienvater auch die zukünftigen Zahlungsströme, die ich leisten muss, kann ich auch eine Duration ebendieser Verbindlichkeiten ausrechnen. Wenn ich z.B. 30 Jahre alt bin, muss noch 35 Jahre den Unterhalt für meine Familie beziehen (natürlich auch darüberhinaus, jetzt der Einfachheit halber bis 65). Jetzt habe ich mal ein Spreadsheet erstellt, indem die durchschnittliche Duration der zukünftigen Verbindlichkeiten berechnet wird. Geschätzte Ausgaben pro Jahr 100000, Inflation 2% (frei einstellbar), dann abdiskontiert jedes Jahr auf den heutigen Tag ergibt eine Durchschnittliche Duration von -17 Jahren mit der Zinsstrukturkurve Deutscher Bundesanleihen vom heutigen Tag (ich hab die Kurve mit einem Polynom 2ten Grades gefittet, sodass man nur den 1 Jahreszinsatz ändern muss, um verschiedene Szenarien fallender / steigender Zinsen bei gleichen Proportionalitäten innerhalb der Zinsstrukturkurve durchzuspielen). Wenn man jetzt eine Sparbriefleiter der Laufzeiten 1,4,8,10 Jahre hat, kommt man natürlich nur auf eine Duration von knapp über 5 Jahre. Somit trifft mich zwar eine Zinserniedrigung im Anlagevermögen scheinbar stark mit ~ -5% pro 100bp Zinssenkung, jedoch werden meine abdiskontierten Zahlungsverpflichtungen viel weniger. Umgekehrt gilt dies natürlich für Zinssteigungen, wo ich mich zwar scheinbar über Kursverluste meiner Anleihen aufregen müsste, jedoch die Verpflichtungen auch viel geringer werden. Für eine komplette Neutralisation des Zinsrisikos müsste man so Anleihen einer viel höheren Duration im Portfolio haben (sogar noch mehr als die Duration der Verpflichtungen, wenn das Anlagevermögen entsprechend kleiner ist). Oder aber man kann natürlich auf der Zinsstrukturkurve surfen und gezielt die Gesamtduration steuern (und dabei auf Zinsänderungen wetten). Was denkt ihr dazu? Der praktische Nutzen ist evtl. nicht zu hoch, jedoch war mir dies noch nicht so in dem Ausmaß bewusst. Anhang: Spreadsheet im Excel und OO.org Format Dur.xls Dur.ods Diesen Beitrag teilen Link zum Beitrag
Torman Juli 14, 2011 Jetzt habe ich mal ein Spreadsheet erstellt, indem die durchschnittliche Duration der zukünftigen Verbindlichkeiten berechnet wird. Geschätzte Ausgaben pro Jahr 100000, Inflation 2% (frei einstellbar), dann abdiskontiert jedes Jahr auf den heutigen Tag ergibt eine Durchschnittliche Duration von -17 Jahren mit der Zinsstrukturkurve Deutscher Bundesanleihen vom heutigen Tag (ich hab die Kurve mit einem Polynom 2ten Grades gefittet, sodass man nur den 1 Jahreszinsatz ändern muss, um verschiedene Szenarien fallender / steigender Zinsen bei gleichen Proportionalitäten innerhalb der Zinsstrukturkurve durchzuspielen). Mir fällt dazu ein, dass langfristige Zinsen und Inflation meist positiv korreliert sind. Wenn du reale Ausgaben absichern willst und nicht nominale Ausgaben, so können langfristige Anleihen eine böse Falle sein. Kurz- und mittelfristige Anleihen sind besser zur Absicherung realer Ausgaben. Diesen Beitrag teilen Link zum Beitrag
Schinzilord Juli 14, 2011 Mir fällt dazu ein, dass langfristige Zinsen und Inflation meist positiv korreliert sind. Wenn du reale Ausgaben absichern willst und nicht nominale Ausgaben, so können langfristige Anleihen eine böse Falle sein. Kurz- und mittelfristige Anleihen sind besser zur Absicherung realer Ausgaben. Das verstehe ich nicht. Worauf stützt du deine Aussagen? Wenn langfristige Zinsen und Inflation positiv korreliert sind (also langfristige Zinsen hoch, Inflation hoch), dann sollten langfristige Anlagen doch gut zur Absicherung gegen Inflation beitragen. Wenn man der Erwartungstheorie zur Erklärung der Zinsstrukturkurven glaubt, kann man ja direkt aus den Zinsstrukturkurven für Inflationlinker die erwarteten Inflationsraten für die Zukunft ablesen -> ist ja je nach wirtschaftlicher Situation abhängig, welche Laufzeiten bei unerwarteter Änderung der Inflationsraten gut und schlecht abschneiden. Diesen Beitrag teilen Link zum Beitrag
Torman Juli 14, 2011 Du kannst dich mit Langläufern nur gegen erwartete Inflation absichern. Steigt aber die Inflation stärker als erwartet, so kannst du deine realen Verpflichtungen (die jetzt nominal höher ausfallen) nicht erfüllen. Bei kürzeren Laufzeiten hast du durch die regelmäßige Wiederanlage zu jeweils aktuellen Marktkonditionen eine regelmäßige Anpassung an ein möglicherweise geändertes Inflationsniveau. Oder man nimmt langlaufende Linker. Diesen Beitrag teilen Link zum Beitrag
Schinzilord September 30, 2011 Du kannst dich mit Langläufern nur gegen erwartete Inflation absichern. Steigt aber die Inflation stärker als erwartet, so kannst du deine realen Verpflichtungen (die jetzt nominal höher ausfallen) nicht erfüllen. Bei kürzeren Laufzeiten hast du durch die regelmäßige Wiederanlage zu jeweils aktuellen Marktkonditionen eine regelmäßige Anpassung an ein möglicherweise geändertes Inflationsniveau. Oder man nimmt langlaufende Linker. Da hast du sicherlich recht. Jedoch wollte ich beim starten des Threads nicht auf Vor/Nachteile Langlaeufer und Inflation hinaus, sondern eben Duration Matching, wenn man auch langlaufende Verbindlichkeiten hat (z.B. Unterhaltsverpflichtungen gegenueber Familie). Wie seht ihr den Sachverhalt? Diesen Beitrag teilen Link zum Beitrag
valueseeker September 30, 2011 Jedoch wollte ich beim starten des Threads nicht auf Vor/Nachteile Langlaeufer und Inflation hinaus, sondern eben Duration Matching, wenn man auch langlaufende Verbindlichkeiten hat (z.B. Unterhaltsverpflichtungen gegenueber Familie). Interessanter Thread, aber Torman hat völlig recht. Eigentlich hast du eben gar keine langlaufenden NOMINALEN Verbindlichkeiten, Unterhalt/ Lebenshaltungskosten etc sind alles REALE Ausgaben. Also gibt es dementsrprechend auch nicht viel für dich zu matchen. Diesen Beitrag teilen Link zum Beitrag
Schinzilord September 30, 2011 Hmm, und Durationen von Inflation Linkern kann ich ja gar nicht bestimmen. Anderer Gedanke: Das Problem besteht ja trotzdem, dass ich langlaufende Verbindlichkeiten habe. Und hier waere das Durationmatching eine Moeglichkeit, dies abzugleichen. Natuerlich koennte man jetzt annehmen, dass in Langlaeufern eine erwartete Durchschnittsinflation bereits eingepreist ist. Natuerlich sind hier Vorhersagen schwierig, aber man koennte ja EZB Zielsatz mit leichtem Aufschlag nehmen, also sagen wir 2.5%. Es gibt ja mehrere verschiedene Modelle, um Inflation und Renditeerwartung in Einklang zu bringen. Dass man mit dem Argument der realen Verbindlichkeiten ds ganze Matching wegwischt, halte ich fuer zu schnell gehandelt. Diesen Beitrag teilen Link zum Beitrag
vanity September 30, 2011 ... Warum willst du denn unbedingt die Duration in Einklang bringen? Es reicht doch zunächst zur Sicherung der Liquidität völlig aus, wenn du auf der Anlageseite darauf achtest, dass die über die Zeit kumulierte Rückzahlung (Zinsen + Tilgung) nie kleiner wird als die über die Zeit kumulierten Verbindlichkeiten. Bei dieser Betrachtungsweise musst du nicht mal abdiskontieren, sondern nur die Verbindllichkeiten um die geschätzte Inflation hochrechnen. Zur Liquiditätssicherung ist die Duration m. E. kein geeignetes Maß, weil sie nur einen Durchschnitt abbildet. Du musst aber darauf achten, dass du zu jedem Zeitpunkt in der Lage bist, deine Verpflichtungen zu erfüllen. Diesen Beitrag teilen Link zum Beitrag
valueseeker September 30, 2011 Ich denke duration matching wird nicht mit dem argument der realen ausgaben einfach weggewischt, sondern es kommt dann eben erst gar nicht ins spiel. es seidenn du hast tatsächlich auch irgendwelche realinvestitionen als privatmann, vielleicht deine solaranlage aufm dach oder so? da könntest du dann versuchen, sowas zu machen. oder du hast natürlich noch kredite ausstehend, die wären dann ja auch nominal. grundsätzlich müssen aber immer reale bestände und zahlungsströme von nominalen getrennt betrachtet werden. das ist überall in der finanzwirtschaft so, sonst geht alles durcheinander... vanity weißt auf die liquiditätssicherung hin, die für dich wichtig ist. dafür ist aber in der tat die duration auch eine ungeeignete kennzahl. die duration wird ja auch von z.b. versicherungen nicht dafür verwendet, sondern die müssen eben wirklich die duration ihrer nominalen anlagen mit der ihrer nominalen zahlungsverplfichtungen (nimm z.b. lebensversicherungen) in einklang bringen. sonst betreiben sie auf einnmall ungewollt fristentransformation, wie eine bank - nur andersrum. sie mutieren quasi zu einer reverse-bank. und das bringt natürlich risiken mit sich. Diesen Beitrag teilen Link zum Beitrag